Protokoll | 1. Vernetzungstreffen Frauen*ZO – 06.12.2018

Protokoll | 1. Vernetzungstreffen Frauen*ZO – 06.12.2018 -FRJZ Uster

Am Donnerstag Abend, dem 06. Dezember 2018, trafen sich Frauen* aus Politik und Zivilgesellschaft in Uster, um sich im Hinblick auf den Aufruf des nationalen Frauen*streiks für den 14. Juni 2019 auszutauschen. Der nationale Frauen*streik wird vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund, der SP Schweiz und vielen weiteren regionalen Organisationen unterstützt. Gründe für einen Streik – haben wir festgestellt – gibt es für uns viele: Anhaltende unerklärbare Lohnunterschiede; ungleich verteilte Sorge- und Pflegearbeit in Familien, Nachbarschaften und Institutionen; eine unbezahlbare Anzahl Stunden Arbeit in Freiwilligendiensten, die wenig Anerkennung erhalten, während sie die bestehende Wirtschaft erst möglich machen; anhaltende Gewalt gegen Frauen* in allen Schichten der Gesellschaft; wenig Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen*; Ausbeutung von migrantischen Frauen* in diversen Berufsfeldern und vieles mehr. Diese sehr generellen Gründe für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Fragen der Gleichberechtigung, haben wir in einem ersten Vernetzungstreffen mit individuellen Anliegen, Motivationen, Geschichten und Fragen bereichert, um herauszufinden, ob wir im Zürcher-Oberland eine “Streikgruppe” lancieren möchten oder – für eine langfristige Auseinandersetzung – eine Fachstelle für Frauen*fragen bräuchten.
In einem ersten Schritt haben wir Themen gesammelt und reflektiert, die uns im Zusammenhang mit Frauen* beschäftigen. In einem zweiten Schritt haben wir überlegt, zu welchen Themen wir hier im Zürcher-Oberland aktiv eine Aktion, eine Kampagne oder eine Veranstaltung organisieren wollen:

1. Sorge-, Betreuungs- und Pflegearbeit, sogenannte Care-Arbeit:
a. Nach wie vor fehlt es an Anerkennung für unbezahlte und bezahlte Mehrarbeit durch Frauen*, welche vor allem durch familiäre und berufliche Mehrfachbelastungen entstehen. Dazu gehört insbesondere die vor allem von Frauen* verrichtete Reproduktionsarbeit.
b. Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fehlt es sowohl an Männern, die Teilzeit arbeiten wollen und an Teilzeitstellen für Männer, die Familienarbeit übernehmen wollen.
c. Bezahlbare Kinderbetreuung ist einer der Schlüssel, zu besserer beruflicher Integration von Frauen, gerade bei Wenigverdiener*innen. Wir brauchen langfristig besser subventionierte Kinderbetreuungsangebote. Eine Mitfinanzierung durch Firmen könnte eine Strategie sein, um die Bezahlbarkeit von Kinderbetreuung zu verbessern.
d. Eine weitere Erkenntnis des Austausches war, dass die Mehrfachbelastung von Frauen* dazu führt, dass man wenig oder keine Kapazität hat, über die eigene Situation zu reflektieren und sich darüber auszutauschen. Die Vernetzung von Frauen* zum Austausch über Frauen*themen, ist schwierig, da oft der Alltag von Frauen* enorm ausgelastet ist.

2. Anerkennung, Vergütung, Lohngleichheit, Beförderungen:
a. Über zwanzig Jahre nach der Einführung des Gleichstellungsartikels, verdienen Frauen immernoch durchschnittlich 20% weniger als Männer – eine der schlechtesten Quoten im Europäischen Vergleich. Feminisierte Berufe wie Betreuer*innen, Kranken- und Altenpfleger*innen, Hebammen, Verkäufer*innen, Raumpfleger*innen, Coiffeur*innen, Sekretär*innen und Primarlehrer*innen sind im Vergleich mit typischen Männerberufen unterbezahlt und gesellschaftlich mit einem tieferen “Wert” konnotiert. Die Vergütung der Arbeit in feminisierten Berufen muss verbessert werden. Zudem muss gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation und Erfahrung auch in der Praxis und nicht nur im Gesetzesbüchlein gleich vergütet werden.
b. Frauen* sollen zudem bessere Chancen zur Beförderung erhalten. Um ein Umdenken zu fördern, müssen Rahmen geschaffen werden, die eine Veränderung im gewohnten Verhalten fördern. Quoten einzuführen ist ein Beispiel, wie man bewusst gewohnte Strukturen verändern kann, indem die Rahmenbedingungen neu gesetzt werden. Quoten sollten in Führungsgremien, Leitungsteams, Verwaltungsräten und Vorständen eingeführt werden – für Frauen und ebenso für Teilzeitmänner.
c. Armut durch schlechte Bezahlung ist ein Phänomen, dass vor allem Frauen trifft. Häufig sind in Armut lebende Frauen von mehrfachen Benachteiligungen betroffen, dadurch dass sie alleinerziehend sind, familienbedingt einer Teilzeitarbeit nachgehen, und oft migrationsbedingten Anforderungen – wie z.B. fehlende Anerkennung ausländischer Diplome oder einen integrationshindernden Aufenthaltsstatus – ausgesetzt sind.

3. Diskriminierung, Belästigung, Gewalt – NEIN heisst NEIN:
a. Diskriminierendes und sexistisches Verhalten gegenüber Frauen* ist in unserer Gesellschaft historisch verankert und weit verbreitet. Beginnend bei “lustig” gemeinten Stammtisch- und Pissoirgesprächen zwischen Männern, sind Formen sexistischer Erniedrigung gesellschaftlich normalisiert. Sie beginnen bei der Darstellung nackter Frauenkörper auf Werbeplakaten und reichen über aktive verbale und körperliche Belästigung in der Öffentlichkeit bis zu häuslicher Gewalt und Vergewaltigung. Gegen Erniedrigung und Diskriminierung von und Gewalt an Frauen* muss mit Sensibilisierung und Aufklärung in Schulen ebenso wie in Firmen und Institutionen informiert werden. Dazu gehört auch, dass bestehende Rollenbilder reflektiert und weiterentwickelt werden. Sogenannt “weibliche” und “männliche” Rollen können mit alternativen Bildern und Geschichten erweitert und verändert werden. Dazu brauchen wir Mütter* und Väter*, Lehrer*innen und Lehrer*, Forscher*innen und Forscher*, welche die historische Vorherrschaft des Männlichen hinterfragen und alternative Frauen*bilder und Männer*bilder stärken.
b. Um von Gewalt betroffenen Frauen* Schutz und Unterstützung zu bieten, fordern wir, dass Beratungsangebote und Plätze in Frauen*- und Mädchen*häusern ausgebaut werden.
c. Diskriminierendes Verhalten gegenüber Frauen* findet sich passiv in den meisten Firmen, Institutionen, Behörden und Verwaltungen. Damit Frauen an Sitzungen, Konferenzen und Gesprächen besser beteiligt werden, fordern wir Verantwortliche dazu auf, dass Genderwatch-Protokolle verwendet werden, um mögliche Ungleichverteilungen bei der Redezeit und den besprochenen Themen sichtbar machen und verbessern zu können.

4. Emotionen und gesellschaftliche Rollenbilder:
a. Insgesamt brauchen wir mehr Anerkennung für alle oben genannten Themen! Frauen fühlen sich oft reduziert und müssen sich für ihr Verhalten nicht selten rechtfertigen in Situationen, in denen dasselbe von Männern nicht gefordert wird. Diese Erfahrungen schüren nebst Ängsten und Sorgen sehr viel Wut. “Ich will nicht mehr nett sein” ist eine oft gehörte Reaktion, die stärkend aber nicht leicht umzusetzen ist. Wenn eine Frau nicht nett lächelt, wenn sie angeschaut wird, dann wird der ernste Blick mit Ablehnung beantwortet. Männer, die einfach nur einen ernsten Gesichtsausdruck aufweisen, werden dafür nicht sanktioniert. Diese kleinen, scheinbar irrelevanten Unterschiede, deren Erkennung man erst lernen muss, verdeutlichen die tiefe Verwurzelung ungleicher Verhältnisse in der Gesellschaft.

5. Medien und Öffentlichkeit:
a. Damit alternative Rollenbilder gestärkt werden, ist ein breiter kritischer öffentlicher Dialog notwendig. Insbesondere in Medien soll vermehrt stärkend über Frauen*themen berichtet werden. Zudem brauchen wir neue, positive und diverse Männer*repräsentationen, die das Männerbild als stark, unemotional und triebhaft erweitern und mit der realen Vielfalt männlicher* Realitäten und Erfahrungen (vor allem in der Öffentlichkeit) ergänzen.

6. Mobilisierung:
a. Mobilisierung Frauen*streik: Der Angekündigte Frauen*streik gibt uns die Möglichkeit und soll ein Ansporn sein, alle Frauen*themen neu zu beleuchten, darüber zu reflektieren, zu diskutieren und sie in die Öffentlichkeit zu tragen. Ein Frauen*streik ist primär ein politischer Streik, weil es zu einem grossen Teil darum geht, bewusst und sichtbar zu machen, wo und wie Frauen* gesellschaftlich benachteiligt werden. Daher sind vielfältige und kreative Ansätze für symbolische Darstellungen von komplexen Themen gefordert. Arbeitsniederlegung im Rahmen eines Frauen*streiks bedeutet demnach, nicht nur bezahlte Arbeit für einen Tag nieder zu legen, sondern auch die unbezahlte Arbeit. Weil ein Grossteil aller pflegebedürftiger Menschen – von jung bis alt – von der Arbeit der Frauen* abhängig sind, ist es schwierig, die Arbeit zu verweigern. Keine Frau* möchte, dass ihr Fehlen denen schadet, die sich in ihrer Obhut befinden. Um jedoch sichtbar zu machen, dass ohne Frauen* die Wirtschaft – und vieles darüber hinaus – stillstehen würde, müssen wir in Kauf nehmen, dass es “schmerzt” wenn Frau* fehlt – wenn sie im Haushalt fehlt und an der Arbeit. Wir wünschen uns kreative Streikformen am 14. Juni 2019, von Arbeitsniederlegung, Haushaltsarbeits-Verweigerung, Kinderbetreuungs-Verweigerung, Sex-Verweigerung, Unterrichts-Verweigerung bis zu Kaffeekoch-Verweigerung. Dazu nehmen wir uns öffentliche Räume, machen uns breit, nehmen Platz, machen uns sichtbar überall dort, wo wir sind – lokal, divers und stark.
b. Mobilisierung zur Sensibilisierung: Damit eine langfristige Auseinandersetzung mit den oben genannten Themen angegangen werden kann, erarbeiten wir in Zusammenarbeit mit Fachpersonen Sensibilisierungsmaterial, das sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in der Bildung als Diskussionsanstoss genützt werden kann. Dazu gehören möglicherweise Videoclips, öffentliche thematische Stadtrundgänge und Bildungsveranstaltungen.

Notizzettel:

  • Ich will einen inklusiven Frauen*streik, an dem Frauen* mit Beeinträchtigungen geflüchtete Frauen*, queere und arme Frauen* sich beteiligen können.
  • “Gleichstellung ist dann erreicht, wenn auch schlechte Frauen (Führungs-) Positionen bekleiden” → Zitat von Andrea Gisler, Präsidentin Frauenzentrale
  • Videoclips – tönt gut! Zynisch, frech, aufrüttelnd.
  • Wir brauchen eine Entscheidung zum Frauen*streiktag
  • Lohnanpassung im Gesundheitswesen. Vor allem bei freiberuflichen Hebammen.
  • Ich bin hier, weil ich das Theme Frauen* und Gleichstellung auch in den ländlichen Gemeinden des Kantons ZH zu einem Thema machen möchte.
  • Zusammen streiken → Alles steht still! Zusammengehörigkeitsgefühl gibt Stärke und Kraft!
  • Ist das Instrument “Streik” noch zeitgemäss oder gibt es aufrüttelndere und originellere Formen?
  • Frauen*streik in Uster ist noch kein Frauen*streik im Zürcher-Oberland. Wie können wir weitere Orte einbinden?
  • Mich ärgert, wenn Frauen* nicht solidarisch sind, bzw. einander Steine in den Weg legen.
  • Mädchen im Ausgang, die belästigt werden.
  • Kantonsratskandidaten!? Wir brauchen eine gendergerechte Sprache!
  • Sich wehren und defensiv sein, wird bei Frauen* / Mädchen* als mühsam und zickig gewertet.
  • Mich ärgert, wenn man/frau bei der Besetzung von Führungspositionen sagt, dass sie für Frauen* seien aber die Qualität müsse halt stimmen…
  • Ich möchte das Frauen*haus Zürcher-Oberland stärken
  • Zusammenhang zur Inklusionsstadt Uster schaffen!
  • Wie Männer* motivieren? Und mehr Frauen*? Wie die Themen freud- und lustvoll angehen?
  • Lohngleichheit
  • Mich freuen die Bundesratswahlen. Die beiden Frauen wurden so klar und ohne Störmanöver gewählt.
  • Frauen*fussball stärken!
  • Zur Zeit als meine Kinder klein waren, war es vielen Frauen* in meinem Umfeld wichtig zu arbeiten. Heute sehe ich, dass viele Frauen* teilzeit oder gar nicht arbeiten möchten. Warum? Es sind doch die Töchter der Feministinnen?!