Manifest für eine Bildung ohne Sexismus

Titelseite des Manifest der Gymnasien mit dem Titel "Manifest für eine Bildung ohne Sexismus" und der Zeichnung einer Weiblichkeit, die ein T-Shirt trägt auf dem steht "mir isch gschlächt"

Wir vom Kollektiv Bildung ohne Sexismus fordern alle Schülerinnen* dazu auf, sich uns am Frauen*streik vom 14. Juni 2019 anzuschliessen. Genau wie 1991 werden Frauen* in der ganzen Schweiz die bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen und sich die Strassen nehmen, um alle Formen der Diskriminierung von Frauen* zu bestreiken. Für uns als Schülerinnen* beginnt der Streik im Schulalltag. Das folgende Manifest umfasst deshalb unsere feministische Kritik am Bildungssystem. Die Erfahrungen, aus welchen wir unsere Forderungen ableiten, sind persönlich und variieren je nach Schule und Unterricht – doch die skizzierten Missstände sind struktureller Natur. Schulen sollen Orte der Emanzipation, des einvernehmlichen Handelns, des gegenseitigen Respekts und zu safe spaces für alle werden. Wir fordern eine Bildung, die kritisches, selbstbestimmtes Denken anregt und uns zur kollektiven Mitbestimmung in der Gesellschaft ermutigt.

Doch wir bestreiken nicht nur unser Bildungssystem, sondern auch unseren Alltag, in welchem wir Sexismus und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Wir kämpfen nicht nur für die Bedürfnisse von Schülerinnen*, sondern solidarisieren uns mit allen streikenden Frauen*. Mit ihnen stehen wir ein für gleichen Lohn, die gerechte Teilung der Haus- und Sorgearbeit, faire Renten, regularisierte Sexarbeit, Massnahmen zum Schutz von Migrantinnen* und vieles mehr. Denn gemeinsam sind wir stark!

Setzt gemeinsam mit uns ein lautes und kämpferisches Zeichen für eine diskriminierungsfreie Zukunft – am 14. Juni und über den Streik hinaus!

Manifest: Wieso isch eus Gschlächt?

1: Weg mit den Geschlechter-Stereotypen!

Noch immer sind an den Gymnasien die naturwissenschaftlichen Profile überwiegend männlich (63%), die sprachlichen Profile hingegen überwiegend weiblich (67%) besetzt. Darin widerspiegelt sich die Reproduktion der binären Geschlechterstereotypen, beziehungsweise der geschlechtsspezifischen Vorlieben und Fähigkeiten, die Frauen* und Männern* bereits im Kleinkindalter zugeschrieben werden und uns alle in der freien Entfaltung hindern. Die Naturwissenschaften gelten weiterhin als Männer*domäne und so wird Männern* in diesem Bereich sowohl bewusst als auch unterbewusst grösseres Können zugetraut als Frauen*. Nur wenn auch die Lehrpersonen auf gymnasialer Stufe diese Stereotype kritisch reflektieren, können Schüler*innen sich selbstbestimmt und unabhängig von gesellschaftlichen Normen entwickeln.

2: Für eine diskriminierungsfreie Sprache!

In der gymnasialen Bildung wird die kritische Auseinandersetzung mit der diskriminierenden Sprachnorm stark vernachlässigt. So ist das generische Maskulinum, also beispielsweise die konsequente Verwendung der männlichen Form «Schüler», selbst wenn Schülerinnen* mitgemeint sind, ist im Deutsch Unterricht weitgehend Standard. Die sich dahinter verbergende Diskriminierung wird unhinterfragt weitergegeben und reproduziert. Wir fordern, dass gendergerechte Alternativen wie der Gender_Gap oder das Gender-Sternchen* eingeführt werden, die nicht nur Frauen* und Männer* umfasst, sondern auch Menschen, die sich keinem dieser Geschlechter zuordnen. Inklusive Sprache soll zum Standard werden!

3: Nicht nur weisse, reiche Männer* machen Geschichte

Das uns vermittelte Geschichtsbild ist geprägt von patriarchalem Denken, welches weisse, mächtige Männer* ins Zentrum stellt. Der Einfluss der Frauen*, Arbeiter*innen, People of Colour, LGBTIQ* und anderer unterdrückter Menschen auf die Gesellschaft wird als nebensächlich abgetan. Die Geschichte wird aus der Perspektive mächtiger, westlicher Staaten erzählt. Den grossen sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts wie den antikolonialen und feministischen Kämpfen wird kaum Beachtung geschenkt. So endet die Geschichte der feministischen Bewegung oft bei der Erlangung des Stimmrechts, wodurch die Erreichung der gleichberechtigten Gesellschaft impliziert wird. Wir fordern, dass ein Geschichtsverständnis vermittelt wird, das soziale Kämpfe in den Fokus rückt und verschiedene Perspektiven ermöglicht.

4: Geschlecht ist sozial konstruiert!

Im Biologieunterricht wird am klarsten ersichtlich, wie das Bildungswesen Menschen vereinfachend in die Kategorien «Frau» und «Mann» unterteilt. Wir fordern eine fächerübergreifende und vertiefte Auseinandersetzung mit Geschlecht und Geschlechtsidentität als soziale Konstrukte. Dabei soll der aktuellen Gender-Forschung Rechnung getragen wird. Wir verlangen, dass Schüler*innen, welche sich nicht als Cis-Menschen betrachten, sich also nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, respektiert und unterstützt werden. Transfeindlichkeit hat keinen Platz an unseren Schulen.

Wir erachten einen tiefgreifenden und queerinklusiven Sexualkundeunterricht als unabdingbar. Hier soll ein differenzierter Einblick in verschiedenste Verhütungsmethoden geboten werden und ein kritischer Diskurs über hormonelle Verhütungsmittel und ihre Nebenwirkungen stattfinden. Wir fordern einen enttabuisierten Unterricht, welcher ein positives und selbstermächtigendes Verhältnis zu Sexualität und unseren Körpern vermittelt. Sex ist nicht nur Penetration, die weibliche* Lust ist vielfältig.

5: Wir lieben nicht nur hetero und monogam

Die vielfältigen Liebes- und Beziehungsformen sollen respektiert, und die Auseinandersetzung mit ihnen Bestandteil des Unterrichts werden. Schulen müssen Schüler*innen aktiv vor Diskriminierung aufgrund ihrer Sexualität schützen und für alle einen safe space darstellen. Homofeindlichkeit ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

6: Alle sollen selbst wählen können, ob sie Yoga machen oderFussball spielen wollen

Der Sportunterricht an Schulen orientiert sich immer noch an den geschlechtsspezifischen Stereotypen des binären Geschlechterverständnis und reproduziert so weiter. Männern* werden andere Fähigkeiten zugeschrieben als Frauen*und dementsprechend werden sie auch anders gefördert. Wir sind davon überzeugt, dass ein nach Interessen aufgeteilter Sportunterricht alle dazu ermutigen würde, Stereotype zu durchbrechen und ihren individuellen Talenten selbstbestimmt nachzugehen.

7: Unser Feminismus ist intersektional!

Wir fordern, dass das Bildungswesen ein Bewusstsein und Verständnis dafür vermittelt, dass manche Menschen in der Bildung und im Alltag strukturelle Nachteile erfahren. Diese variieren in ihrer Form und Intensität. Menschen werden aufgrund von race, gender, Sexualität, Klasse, körperlicher oder geistiger Behinderung, Nationalität und Religion, etc. diskriminiert. Gewisse Menschen sind aufgrund der genannten Merkmale und besonders bei allfälligen Überschneidungen der Diskriminierungen konfrontiert. Diese Problematik muss im Unterricht thematisiert und Lehrpersonen und Schüler*innen dafür sensibilisiert werden.

Bildungsinstitutionen, besonders Gymnasien, müssen aktiv gegen elitäre Ausschlussmechanismen vorgehen. Wenn wir uns im Klassenzimmer umschauen, wird klar, für wen diese Räume offenstehen – weisse, bürgerliche Menschen – und wer strukturell ausgeschlossen wird. Unser Feminismus kämpft nicht einfach für die Stellung der Frauen*, sondern solidarisiert sich mit allen Menschen, die Diskriminierung und Unterdrückung jeglicher Art erleben.

Die oben genannten Forderungen sind gegen Ungerechtigkeiten gerichtet, welchen verschiedene Einzelpersonen unter uns tagtäglich begegnen. Sie sind bewusst spezifisch formuliert, doch unser Aktivismus muss über sie hinausgehen, wenn wir eine diskriminierungsfreie Bildung für Alle erreichen wollen. So richtet sich unser Aktivismus auch direkt gegen den Kapitalismus, dessen profitorientierte Logik das Bildungssystem diktiert. Wir werden schon in der Ausbildung zu selbstoptimierten Höchstleistungen gedrängt und sollen Hierarchien möglichst kritiklos verinnerlichen, um uns später auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten zu lassen. Doch Bildung muss mehr sein als die auferzwungene Anpassung an das herrschende System! Bildung soll stattdessen das kritische, selbstbestimmte Denken anregen. Für uns ist klar, dass wir unsere Bildung und unseren Alltag erst dann erfüllt leben können, wenn Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus und andere unterdrückende Strukturen überwunden sind. Dafür streiken wir und dafür werden wir auch über den Frauen*streik hinaus einstehen.

* Wir verwenden das Gender-Sternchen um auf die soziale Konstruiertheit der Geschlechterkategorien hinzuweisen

Du willst am 14. Juni streiken? Here’s how you do it:

An der Schule / am Arbeitsort:
  • Du gehst am 14. Juni nicht zur Schule / bleibst der Arbeit fern.
  • Bummelstreik: Du bist zwar anwesend, verrichtest die Aufgaben aber extra langsam, machst eine lange Mittagspause mit Freundinnen*, …
  • Aus Solidarität trägst du Lila Kleidung oder Frauen*streik-Buttons.
Überall:
  • Lass Typen* die Haus- und Sorgearbeit erledigen und schliess dich Aktionen & Demos an.
  • Konsumstreik: Bestreike die Konsumgesellschaft und zeige, dass wir all den unnötigen Kram, der uns angedreht wird und die Umwelt zerstört, nicht brauchen.
  • Motiviere all deine Freundinnen* zum Streiken. Zusammen sind wir stärker!
  • Um 17.00 alle an die Demo ab Central! Gymi-Treffpunkt: 16.30 beim Landesmuseum.
Wie kannst du dich als Mann* solidarisch zeigen?
  • Übernimm die Schichten von deinen Arbeitskolleginnen*, kümmere dich um Haushalt, Kinder und Haustiere.
  • Schliess dich dem solidarischen Männer*kollektiv an! Kontakt: 14.juni-unterstuetzen-zh@immerda.ch

Du hast rechtliche Fragen oder suchst sonst einen Ratschlag?
Melde dich bei frauenstreikenzh@gmail.com

Melde dich via Insta @bildungohnesexismus oder via bildungohnesexismus@immerda.ch, wenn du an unsere nächsten Treffen kommen willst!

Manifest als PDF