Rede: Du könntest ich sein – ich könnte Du sein

Du könntest ich sein – ich könnte Du sein

Rede, 14. Juni 2019, NiUnaMenos-Platz Helvetiaplatz Zürich

von DW

Guten Abend! Ich bin eine Frau* mit Behinderung – was geht Euch das an? Wenn jede sich nur um ihre eigenen Spezialthemen kümmert, bleibt jede von uns allein. Solidarität ist in einem Satz gesagt: Du könntest ich sein – ich könnte Du sein.


In der reichen Schweiz findet täglich ein Ausschluss statt, der uns hindert, unser Leben zu führen – beim Versuch, zur Arbeit zu gehen, zur Uni, ins Tram. Ein privates Problem? Keineswegs. Es ist strukturelle Gewalt.
Ein öffentliches Problem wird zu einem privaten gemacht und privat wird mit Kraft und Lebenszeit bezahlt.
Wir Frauen* mit Behinderung waren queer, lange bevor es das Wort ‹queer› gab. Aber wir werden nicht zwangsweise einer Geschlechterkategorie zugeteilt – Mann oder Frau –, wir werden erst gar nicht in die Geschlechterkategorien hineingelassen. Das seht Ihr gut an den Toiletten: Es gibt Männer*, Frauen* und Behinderte.
Lohnungleichheit zwischen Frauen* und Männern* trifft Frauen* mit Behinderung härter. Ebenso härter sind Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Behinderung, Ausschluss aus Führungspositionen, Schutz vor Gewalt: Die Hindernisse für Frauen* mit Behinderung sind so wenig natürlich wie der Platz der Frau* am Herd.
Eine Frau* mit geistiger Behinderung hat in der Schweiz kaum Zugang zu einem selbstbestimmten Leben – anders als in anderen Ländern. Die Mehrheit der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sind Frauen* – ihnen fehlt es heftig an Unterstützung. Wir werden im Alter ärmer sein als nicht beeinträchtigte Frauen*.
100 Milliarden Franken würden Frauen* jedes Jahr mehr zur Verfügung haben, wenn die Lohndiskriminierung nicht wäre und ihre unbezahlte Arbeit bezahlt würde. Wir könnten damit diese und viele andere Hindernisse beseitigen. Streiken wir gemeinsam. Keine ist befreit, solange nicht jede befreit ist!

1FTIQ: Trans Personen sind Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. Inter bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsmerkmale keiner der beiden Kategorien „Mann“ und „Frau“ entsprechen. (Gender)queere Menschen bewegen sich zwischen oder ausserhalb dieser zwei Kategorien. Geschlecht ist ein Spektrum und die Einteilung in die zwei gegensätzlichen Kategorien „Mann“ und „Frau“ ist gesellschaftlich konstruiert. Nicht jede Person mit einer Gebärmutter ist eine Frau, und nicht jede Frau kann schwanger werden. Es ist deshalb enorm wichtig, dass der sichere Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen auch für trans, inter und queere Personen möglich ist.


Anmerkung der Redaktion:

Wir verwenden das Gender-Sternchen *, um auf die soziale Konstruiertheit der Kategorie Geschlecht aufmerksam zu machen. Wenn wir Binnen-* verwenden, meinen wir immer alle Geschlechter. Wenn wir etwa von «Frauen*» oder «Männer*» schreiben, verweisen wir auf die Konstruiertheit der Binarität der Geschlechter.