NI UNA MENOS – Kollektive, feministische Antwort gegen Femizide

Ein Foto von 9 paar violettgeförbte Schuhe jeweils mit einem Schildchen mit jeweils einem Namen und Datum der 9 Frauen, die seit Anfang 2020 bis jetzt (25.4.) ermordet wurden in der Schweiz

Am 15. April 2020 wurde wieder eine Frau* 1 von einem Mann* umgebracht.

Seit Jahresbeginn sind bereits neun Frauen* von Männern* umgebracht worden. Das sind neun Femizide in dreieinhalb Monaten. Warum wir das Femizid nennen? Weil Gewalt an Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary und Transpersonen (FLINT) Struktur hat, also keine privaten und persönlichen Beziehungsdramen sind, sondern Ausdruck des Patriarchats. Wir FLINT werden ermordet, weil wir FLINT sind.

Weltweit werden täglich 137 Frauen* von männlichen Familienangehörigen oder (Ex)partnern ermordet. In der Schweiz wird jede zweite Wochen eine Frau* von ihrem Partner oder Expartner umgebracht. Jede Woche überlebt eine Frau* einen Tötungsversuch. Dabei sind Femizide nur die traurige Spitze eines Eisberges der täglichen Gewalt an Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary und Transpersonen. Allein im Kanton Zürich rückt die Polizei 15 Mal (!) am Tag aufgrund häuslicher Gewalt aus. Im Jahr 2019 wurden 19‘669 Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt registriert, wobei die Dunkelziffer noch um ein Vielfaches höher ist. Diese Zahlen machen mehr als deutlich, dass Gewalt an FLINT ein strukturelles Problem ist.

Die Frauen* hinter den Zahlen

Wir wissen nicht viel über die ermordeten Frauen*. Wir wissen auch nicht, ob es noch mehr als neun sind, denn es gibt kein offizielles Monitoring von Femiziden in der Schweiz. Die mediale Berichterstattung ist unsere einzige Quelle. In der Nacht vom 31. Dezember 2019 wurde Ulrike B. (52j.) von ihrem Partner in einem Hotel in Locarno ermordet. Am 01. Januar 2020 fand man in Monthey VS eine tote 40-jährige Frau*. Vor Ort wurde ein Mann* verhaftet, der mit der Ermordeten bekannt war. Nur fünf Tage später, am 06. Januar 2020, erschütterte uns die Nachricht, dass Sara M. (17) von ihrem Exfreund in Yverdon-les-Bains umgebracht und in einem Sumpf versenkt wurde. Am 26. Januar 2020 tötete ein Mann* eine 55-jährige Frau* in Genf. Die 44-jährige N.R. wurde am 03. März 2020 in Hombrechtikon tödlich von ihrem Partner verletzt. Sie verstarb am darauffolgenden Tag. Am 05. März 2020 wurde eine 90-jährige Frau* leblos im Fluss in Oberglatt gefunden. Es wird von einem Tötungsdelikt ausgegangen. Am 18. März 2020 fand man eine 31-jährige Frau* tot und übel zugerichtet auf einem Industrieareal in Oey BE. Ihr Partner hat sich geständig gezeigt. Zwei Wochen später erstach am 02. April 2020 ein 20-jähriger Mann* seine Mutter (59j) target=“_blank“ rel=“noopener“in Emmenbrücke LU. Und letzte Woche wurde Doris M. (81j) in Meierskappel LU umgebracht. Drei Männer* wurden als mutmassliche Täter festgenommen.

Foto plakatierter Plakate von Ni Una Menos gegen Femizide an FLINT

Öffentlicher Widerstand

Diesen neun Frauen* wollten wir am Donnerstag auf dem NiUnaMenos-Platz (ehemals Helvetiaplatz) gedenken, wie wir das jedes Mal machen, wenn ein Femizid passiert. Wir haben für jede getötete Frau* symbolisch ein paar Schuhe gebastelt, um sichtbar zu machen, dass das Menschen waren und nicht nur Zahlen einer Statistik. Die Polizei war bereits mit einem grossen Aufgebot vor uns auf dem NiUnaMenos-Platz. Als wir vereinzelt und mit grossem Abstand auf den Platz liefen, schnitten uns die Polizisten den Weg ab und forderten sofort Personenkontrollen. Sie hinderten uns zu gedenken und verteilten Wegweisungen für den Helvetiaplatz und für die ganze Stadt Zürich.

Im Gegensatz zu uns hielten sie sich nicht an die Sicherheitsmassnahmen, welche sie angeblich durchsetzen sollten, in dem sie uns regelmässig viel zu nahe kamen und uns ohne Handschuhe anfassten. Das respektlose Verhalten der Polizist*innen uns und auch anderen Menschen auf dem NiUnaMenos-Platz gegenüber, gekoppelt mit ihrem brachialen Auftreten, ist zum Kotzen. Hier zwei Erfahrungsberichte vom Donnerstag:

Foto von der Gedenkveranstaltung die durch die Polizie gestört wird

Erfahrungsbericht 1

„Kurz vor 7 überquere ich auf dem Weg zum Helvetiaplatz den Boullingerplatz, dicht belegt von sommerfröhlichen Menschengruppen. Auf dem n.u.m. Platz hingegen sind nur Einzelne und Kleingruppen, die auf Abstand die Sonne geniessen. Von einer Kundgebung ist ausser der bereit stehenden Einsatzwagen der Polizei noch nichts und niefrand zu sehen.

Ich ziehe meinen Mundschutz mit der ni una menos Aufschrift an, gehe zur Platzmitte, lege meine Blumen hin und beginne pinke 2m lange Wollfäden zu ziehen,da bin ich bereits umringt von Polizisten, die mich anschnauzen,was das Ganze solle und eine

Identitätskontrolle anordnen. Auf meine Frage,zur Grundlage dieser Anweisungen knurrt einer:“ Teilnahme an einer unbewilligten Demo!“ Ich blicke fragend über den Platz. “Bin ich eine bedrohliche Einfraudemo?“

Sie unterstellen mir nun, an einer Kundgebung wegen dieser Femizidsache teilnehmen zu wollen. Ich fordere die Polizisten zu einer pietätsvolleren Umgangsform auf, welche der tragischen Situation Rechnung trage, denn ich sei bereits in meinem Gedenkritual und möchte nicht gestört werden. Einer Person sei sinnlos das Leben entwendet worden. Es sei hoffentlich noch erlaubt, seiner Trauer und Wut darüber Ausdruck zu verleihen. Inzwischen sehe und höre ich andere Personen und Stimmen,alle umgeben von gestikulierenden Polizist*Innen. In Folge nehmen sie meine Personalien auf, verweisen mich für 24h vom Platz und beschlagnahmen die pinken Wollfäden und Blumen.

“Wer schütz hier wen und vor welcher Gefahr?“ frage ich mich, während ich vom Platzrand her die seltsame Choreografie der Einzelpersonen und Polizeigruppen auf dem Platz beobachte. Da tönt es von hier und dort “Ni una Menos!“ Der Platz echot “Vivas nos queremos!“

Wir bleiben und kommen wenn nötig in immer grösserer Anzahl!“

Zeichnung einer protestierenden Person auf dem Ni Una Menos Platz die von der Polizei gestört wird

Erfahrungsbericht 2

„Eine Aktivistin erzählte uns, dass sie mehrmals nachfragte aufgrund welcher rechtlichen Grundlagen, sie ihren Ausweis zeigen muss. Der eine Polizist sagte aufgrund des Pandemiegesetzes. Auf die Nachfrage, welchen Passus er meinte, konnte er nicht antworten. Die Aktivistin insistierte, dass sie hier sei um einer getöteten Frau zu gedenken, dass sie den Abstand einhalte und sie somit nichts illegales tue und sich auch nicht ausweisen müsse. Der Polizist erwiderte darauf, dass die Aktivistin sich in einer Kundgebung aufhalte. Worauf sie antwortete, dass dies seine Interpretation sei. Daraufhin machte der Polizist sie darauf aufmerksam, dass er sie wegweise. Worauf die Aktivistin antwortete, das sei illegal und müsse er ihr sowieso schriftlich geben, damit sie Einsprache dagegen erheben könne. Und überhaupt. Sie wolle mit einer weiblichen Beamtin reden, die dann auch herbeigerufen wurde.

Mit der Polizistin wiederholte sich in etwa das gleiche Frage- und Antwort-Hin- und Her. Nur dass sich diese auf das Polizeigesetz Art. 25 bezog. Auch die Beamtin sprach eine mündliche Wegweisung aus, welche die Aktivistin nicht akzeptierte, nachfragte, wer denn die politischen Entscheidungsträger seien, dass die Polizei nicht von sich aus solche Entscheidungen treffen darf. Schlussendlich wollten die PolizistInnen die Aktivistin zwecks Überprüfung der Personalien auf den Posten mitnehmen. Ohne den Ausweis gezeigt oder die Personalien gegeben zu haben, verliess die Aktivistin den NiUnaMenos-Platz.“

Die Polizei hat zudem mehrere Gegenstände, unter anderem Blumen und ein Megafon, beschlagnahmt, die am darauffolgenden Tag trotz Quittung nicht zurückgegeben wurden.

Wie aggressiv die Polizei seit Beginn der „Stay at home“ Kampagne auftreten kann – und dies genüsslich tut – zeigt, wie der Staat eine solche Krisensituation ausnutzt, um uns unserer Grundrechte zu verwehren und Kritik zu unterdrücken. Seit Wochen werden Proteste vehement unterdrückt, oder wie bei uns im Keim erstickt, auch wenn die Protestierenden die Massnahmen der physischen Distanzierung etc. einhalten. Die Situation wird genutzt, um Menschen auf die Strasse zu setzen, siehe Juch  während der Staat gleichzeitig „Solidarität“ predigt. Doch sind mitunter genau die vom Staat verordneten Massnahmen Grund für die Zunahme häuslicher Gewalt.

Von Corona, patriarchaler Gewalt und Solidarität
Unter den Isolationsmassnahmen aufgrund der Corona-Krise hat die häusliche und sexualisierte Gewalt an FLINT und Kindern stark zugenommen. In Frankreich beispielsweise sind die Zahlen häuslicher Gewalt seit Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen um mehr als 30 Prozent gestiegen. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern spitzt sich durch die Ausgangsbeschränkungen zu, denn diese fördert die sexistische Gewalt, die schon vor Corona ein grosses Problem war. Aufgrund der verordneten räumlichen Nähe steigt die Kontrolle über die Partner*in Zuhause noch mehr an und es ist für den Täter einfacher seinen Machtanspruch durchzusetzen. Häusliche Gewalt und Femizide sind nicht die Folge „schlecht laufender“ Beziehungen oder Stress, sondern sind Konsequenz patriarchaler Geschlechterverhältnisse, nach welchen Männer* das Gefühl haben, uns FLINT besitzen zu können.

Gewaltbetroffene können nun aufgrund der Isolationsmassnahmen keinen Unterschlupf mehr bei Verwandten oder Bekannten finden, sondern sind in ihren eigenen Wohnungen gefangen. Sie können Beratungsangebote nur noch schlecht erreichen, da durch die Quarantäne die Kontrolle Zuhause massiv gestiegen ist. Ein heimlicher Anruf oder das Verlassen der Wohnung ist für Gewaltbetroffene in der momentanen Situation ein riesiges Unterfangen. Bei den Beratungsangeboten besteht nach wie vor eine grosse Hürde für marginalisierte Gewaltbetroffene. Die Informationen gelangen gar nicht erst an alle, Frauen*häuser sind oft nicht barrierefrei und es fehlt an sensibilisierten Beratungsangeboten für Transmenschen.  Nur sehr wenige Beratungsangebot sind 24h erreichbar, da sich der Bund weigert diese zu finanzieren, obwohl das feministische Organisationen und Frauen*beratungsstellen seit Jahren fordern. Zudem sind die Angebote für Schutzsuchende überlastet, weil sie in den Jahren zuvor zusammengespart wurden. Die Schweiz verfügt nicht einmal über die Hälfte der in der Istanbuler Konvention vorgesehenen Anzahl Unterkünfte. Die Schweiz würde 800 Plätze benötigen, zurzeit gibt es 350 Unterschlupfsplätze, wobei es lediglich ein Mädchenhaus für die ganze Schweiz gibt.

Solidarisch zu sein muss deshalb auch bedeuten, nicht aus den Augen zu verlieren, dass diese Pandemie nicht die einzige Krise in unserer Gesellschaft ist und dass es Menschen und soziale Gruppen gibt, die viel härter von solchen Massnahmen getroffen werden wie andere. Deshalb lassen wir uns nicht zum schweigen bringen. Wir müssen den Protest gegen Femizide jetzt erst recht sichtbar machen, denn die Isolation ist für uns tödlich! Stellen wir uns diesen Vereinzelungstendenzen entgegen und zeigen wir allen FLINT, dass wir ein feministisches Kollektiv sind, dass aufeinander aufpasst!
NiUnaMenos Kollektiv Zürich*

NI UNA MENOS!
Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf alle!
Si tocan a una, respondemos todas!
#niunamenos #feminizide #feministischerstreik

*Wollt Ihr mit uns feministisch aktiv werden, schreibt uns auf niunamenos@streikhaus.ch. Wir sind Teil des feministischen Streikkollektivs Zürich.


1.Das Sternchen deutet auf das Konstruiertsein der Geschlechterkategorien und die Berücksichtigung sämtlicher Identitätsformen und Lebensweisen hin. Das Sternchen deutet auf das Konstruiertsein der Geschlechterkategorien und die Berücksichtigung sämtlicher Identitätsformen und Lebensweisen hin.