Ausformulierter Erfahrungsbericht der 5 Frauen* mit Klebeband

Foto zweier Aktivistinnen von Ni una Menos, die mit Malerklebeband ein Plakat mit Infos zu Frauenhäusern und häuslicher Gewalt

Ausformulierter Erfahrungsbericht der 5 Frauen* mit Klebeband

5 Kastenwägen, unzählige Robocops, Verhaftungen und Demütigungen wegen Malerklebeband und Informationen zu Opferhilfestellen. 20. April 2020

„4 Frauen* und ich wurden am 1. Mai 20, als wir in einer 2er und in einer 3er Gruppen je 2 Plakate (vom niunamenos Kollektiv) mit Telefonnummern bei häuslicher und sexualisierter Gewalt in je einem Hauseingang nähe Golbrunnenplatz mit Malerklebeband hinklebten, innerhalb von wenigen Minuten von 3 Kastenwägen umzingelt. Viele Robocops sprangen raus, kreisten uns ein, forderten IDs, nahmen uns Plakate und Malerklebeband weg, beorderten uns an die Wand zu stehen, wo sie uns durchsuchten. Bei einer von uns wurde bei der Sicherstellung des Materials ein undefinierbarer Gegenstand (evtl. eine Art Zünder) vom Boden aufgehoben und gefragt, ob das ihr gehöre und aus der Tasche gefallen sei. Sie verneinte, der Gegenstand wurde dann doch in ihren Effektensack zum Hausschlüssel, Handy etc. gelegt. Sie wies noch einmal daraufhin, dass sie diesen Gegenstand noch nie gesehen hätte und dass die Schmier den gefälligst wieder aus der Tasche nehmen soll. Darauf erwiderte eine Polizistin, dass man sich das später dann genau anschauen werde. Bei der Entlassung war der Gegenstand allerdings nirgends mehr, auch nicht bei der sog. „vorsorglichen Materialsicherstellung“ aufgeführt. In der Zwischenzeit kamen nochmals 2 weitere Kastenwägen. Das Klebeband, die Plakate mit Angaben zu Opferhilfestellen und wir beschäftigten mittlerweile etwa 15 Robocops. Wir wurden verhaftet und in den Kastenwägen in ein Gebäude in der Nähe der Kaserne gebracht. Unter einem Vorwand versuchten sie uns Fingerabdrücke zu nehmen, sie fesselten uns anschliessend mit Kabelbindern die Hände auf den Rücken, und wir mussten in einer dunklen Garage auf Betonboden bis zu ca. 2 Stunden mit weiteren Gefangenen sitzen. Dies bewacht durch Polizist*innen und Polizeihund. Wenn wir aufs WC wollten, kam eine Polizistin mit, die sich auch auf insistierendes Bitten weigerte, die Türe des WCs zu schliessen. Im Gang liefen Polizisten hin und her und konnten mir auf dem WC zusehen. Auch auf mein Flehen es sei mir unangenehm, ich könne das nicht, meinte sie zynisch und laut:“ Ihr seid doch sonst auch nicht so prüde. Und ich hab schon viel Spannenderes gesehen.“ Dann wurde ich wieder gefesselt. Einer von uns ging es immer schlechter. Sie hatte eine Panikattacke und zitterte am ganzen Körper. Ein Bulle rauchte demonstrativ neben ihr genüsslich eine Zigarette. Nach einer Weile wurden ihre Kabelbinder aufgeschnitten, da sich ihr Zustand verschlechterte. Ihr wurde Wasser gegeben. Es wurde diskutiert ob ein*e Ärtz*in kommen sollte. Sie wurde dann durch einen Seiteneigang direkt nach draussen geführt. Die Cops zeigten sich „mitfühlend“. Dann wurde sie in eine Einzelzelle gebracht. Sie wird später die einzige von uns sein, die „richtig“ mit einem Fragekatalog in ein Verhör kommt. Jede* von uns kommt früher oder später in eine solche Einzelzelle, dann in ein Büro. Uns wird vorgeworfen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet zu haben, Teilnahme an einer unbewilligten Demonstration sowie Sachbeschädigung, die Gesichtsmasken als Schutz gegen Covid-19 wurden als Vermummung klassifiziert. 2 von uns wird mitgeteilt, dass wir von der Staatsanwält*inschaft hören werden. Insgesamt werden wir ca. 3 Stunden gefesselt gefangen gehalten. Von Seiten der Polizei wurde während keiner Zeit die Schutzmassnahmen eingehalten, keine Handschuhe, kein Abstand, keine Gesichtsmasken.

Nun folgt das Plakat, welches wir mit Malerklebeband aufhängten;

Ni Una Menos Flyer mit Links zu solidarischer und anonymer Hilfe für Frauen*

Fun Fact: Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann ruft seit dem 28.4.20 selber zum Mitmachen bei einer Plakataktion gegen häusliche Gewalt auf. Welcome to Absurdistan.“

Screanshot des Aufrufs zur Plakataktion vom EBG

Screanshot von der Webseite des EBG

https://www.ebg.admin.ch/ebg/de/home/themen/haeusliche-gewalt/koordination-und-vernetzung.html

Plakat des eidgenösischen Büros für Gleichstellung mit wenigen Informationen gegen häusliche Gewalt

Das Plakat des EBG

767 431 Frauen*streik / feministischer Streik
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