Wieso der «Marsch fürs Läbe» ein Angriff auf unsere Freiheit ist

Illustration eines Körpers

Abgetrieben wurde schon immer

Abtreibungsverbote verhindern Abtreibungen nicht, sondern führen dazu, dass Menschen dies im Schatten der Illegalität tun müssen. So trifft die Bestrafung von Schwangerschaftsabbrüchen besonders Frauen, trans, inter und queere Personen (kurz FTIQ)(1) aus der Unterschicht. Denn ihnen fehlt oft das Geld für eine Behandlung in sicheren Kliniken im Ausland.

Beim Versuch, im Verborgenen abzutreiben, sterben jährlich immer noch tausende Personen. Mit Blick in die USA und nach Polen wird klar, wie schnell uns das von Feminist*innen hart erkämpfte Recht, über den Ausgang einer ungewollten Schwangerschaft selbst entscheiden zu dürfen, auch wieder aberkannt werden kann.

Wieso kämpfen wir als Feminist*innen um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch?

Selbstbestimmung von FTIQ über ihre eigenen Körper ist ein zentrales feministisches Anliegen. Deshalb wehren wir uns gegen Fremdbestimmung und jegliche Herrschaftsverhältnisse. Ob und wann wir Kinder bekommen, entscheiden wir! Das entmündigende Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen jedoch zwingt uns, Kinder in die Welt zu setzen, unabhängig davon, ob wir wollen und können.

Im Patriarchat sollen FTIQ klein gehalten werden, über unser Verhalten bestimmt und unsere Körper vereinnahmt werden. Dass wir uns dagegen einsetzen bedeutet auch, dass der Kampf für eine Gesellschaft, in welcher Menschen mit Behinderungen (kurz MmB) nicht diskriminiert werden, nicht vergessen gehen darf. Wir leben in einer sehr behindertenfeindlichen Gesellschaft, was auch dadurch gezeigt wird, wie über MmB gesprochen wird und wie unhinterfragt im Raum steht, dass ein Leben mit Behinderung schlechter sein müsse als ohne. Doch eine platte Instrumentalisierung von MmB wie es der «Marsch fürs Leben» macht, hat nichts mit dem Schützen von Leben von MmB zu tun. Es müsste darum gehen, dass wir als Gesellschaft Barrieren entfernen, die MmB in den Weg gelegt werden, was von physischen Hürden wie rollstuhlunzugängliche Räume bis zu Diskriminierung aufgrund Vorurteilen und abelistischem(2) Denken geht. Dies zeigt erneut, dass der vermeintliche «Lebensschutz», den diese reaktionäre Bewegung «Marsch fürs Leben» hochhält, mit der Forderung nach einem Abtreibungsverbot völlig falsch angesetzt ist.

Wir fordern eine Veränderung der Gesellschaft, im Sinne einere solidarischen Gemeinschaft, welche MmB inkludiert und nicht abwertet.

Entscheidungsfreiheit

Wir kämpfen selbstverständlich nicht nur dafür, selbstbestimmt über unsere eigenen Körper zu verfügen, sondern auch für eine Gesellschaft, in welcher nicht die eigene ökonomische Situation und behindertenfeindliche Norm bestimmen, ob wir schwanger bleiben wollen!

Zur aktuellen Situation in der Schweiz

Seit 2002 gibt es in der Schweiz die sogenannte «Fristenregelung». Diese Regelung lässt uns zwar ein gewisses Mass an Entscheidungsfreiheit – schlussendlich aber ist es immer noch nicht die betroffene Person selbst, die entscheidet, sondern das Gesetz. Gesetzliche Abtreibungsverbote stehen in einer langen Reihe staatlicher Regulierungen von Körpern und Menschen. Abtreibungsverbote dienten damals wie heute als Mittel zur Zementierung reaktionärer Familienbilder und zur Regulierung der Gesellschaft – oft aus rassistischem Kalkül zur Wahrung einer vermeintlich von Migration gefährdeten «westlichen» Gesellschaft.

Was haben Abtreibungsverbote mit rechtem Gedankengut zu tun? Die antifeministische Mobilisierung zum «Marsch fürs Leben» der christlichen Rechten greift das Recht auf Selbstbestimmung und freie Auseinandersetzung mit Sexualität und Geschlechtsidentität an. Diese Bevormundung rechtfertigen sie mit einer rechten und reaktionären Auslegung des Christentums, die ganz wunderbar zu anderen rechten, wenn nicht gar faschistischen Ideologien passt. Zentraler Bestandteil beider ist die christliche Kernfamilie, die aus «Mann», «Frau» und den Kindern zu bestehen hat, wobei die Frau als laufender Brutkasten und der Mann als Beschützer und Ernährer der Familie gilt. Die strikte binäre Einteilung aller Menschen in «Frauen» und «Männer» und die zwingende Zuschreibung der jeweiligen Rollen wird von ihnen als einzige, heilige Wahrheit verstanden. Wehe, Menschen lieben ausserhalb des heterosexuellen Schemas oder streben keine klassische Kernfamilie an, wehe FTIQ sehen das Mutter-sein nicht als höchstes Ziel ihres Daseins oder umsorgen nicht «ihren Mann». Die selbst ernannten «Freunde des Lebens» sind keine solchen – im Gegenteil wollen sie uns allen ihre Lebensentwürfe aufdrängen und streben deshalb nach Unterdrückung und Bevormundung unserer Körper und somit unserer Leben. Das Erstarken rechter Ideologie bedeutet stets auch einen Angriff auf die Rechte von FTIQ. Wenn in Zürich nun christliche Fundamentalist*innen gemeinsam mit der SVP und Neonazis aufmarschieren, zeigt das die Verstrickungen der Anti-Abtreibungs-Bewegung mit der fremdenfeindlichen, hetzerischen, rassistischen Rhetorik rechter Kreise.

Wie sieht die Situation international aus

Die zunehmenden Anti-Selbstbestimmungsbewegungen sind Ausdruck eines internationalen Erstarkens rechtskonservativer Ideologien. So wurden in den USA im Jahr 2019, in einem Klima von rechter Hetze, Sexismus und reaktionärer Politik, in einer wachsenden Zahl von Bundesstaaten komplette Abtreibungsverbote verhängt. In Polen will die rechtskonservative Regierungspartei Pis, trotz massiver Opposition der sogenannten «schwarzen Proteste», ein totales Abtreibungsverbot durchsetzen.

Widerstand gegen die Beschneidung unserer Rechte regt sich überall, so auch in den USA oder Argentinien. Auch in der Schweiz haben wir am feministischen Streiktag gezeigt, dass wir viele sind, die sich für Selbstbestimmung und emanzipatorische Veränderungen in der Gesellschaft erheben. Es kann nicht sein, dass wir diesen erkämpften Raum jetzt Menschen überlassen, die all unsere Forderungen nach Autonomie, nach der Entstaubung der Familienmodelle und nach der Freiheit, zu lieben wen und wie wir wollen, mit Füssen treten. Wir sind viele, wir sind stark und wir lassen uns weder einschränken noch vertreiben!

Von wegen für‘s Leben

Es zeigt sich somit, dass diese Bewegung des «Marsch für‘s Läbe» nicht nur uns FTIQs in unserem Recht auf körperliche Selbstbestimmung angreift und unsere Leben unsicher macht, wenn wir doch dann, je nachdem wieviel Geld wir besitzen, in Illegalität abtreiben müssen.

Diese selbsternannten «Lebenschützenden» greifen auch all jene an, die nicht in ihr enges Gesellschaftsbild passen und eine Kleinfamilie mit «Frau als Mutter und Hausfrau» und «Mann als Ernährer» anstreben. Ausserdem lassen sich viele ihrer Ansichten, wie Fremdenfeindlichkeit und Hetze gegen schwule und lesbische Personen, nur schwer mit dem Slogan «Marsch für‘s Läbe» und dem damit einhergehenden Bestreben Leben zu schützen, vereinbaren. Solange nicht für eine emanzipatorische und solidarische Gesellschaft eingestanden wird, in welcher z.B. MmB nicht diskriminiert werden, trans Menschen nicht angegriffen werden oder Menschen frei von gesellschaftlichen Zwängen und Geldfragen sich für oder gegen Kinderbekommen entscheiden können, können wir nur sagen: «vo wäge für‘s Läbe!»

Mehr unter Infobroschüre zur Gegenmobilisierung

Treffpunkt zur Gegendemo am 19. September um 12 Uhr, Stadtpark Winterthur

Kontakt: info@frauenstreikzuerich.ch

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(1)FTIQ: Trans Personen sind Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. Inter bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsmerkmale keiner der beiden Kategorien «Mann» und «Frau» entsprechen. (Gender-) queere Menschen bewegen sich zwischen oder ausserhalb dieser zwei Kategorien. Geschlecht ist ein Spektrum und die Einteilung in die zwei gegensätzlichen Kategorien «Mann» und «Frau» ist gesellschaftlich konstruiert. Nicht jede Person mit einer Gebärmutter ist eine Frau, und nicht jede Frau kann schwanger werden. Es ist deshalb enorm wichtig, dass der sichere Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen auch für trans, inter und queere Personen möglich ist.

(2) Ableismus bedeutet, dass Personen diskriminiert und abgewertet werden, weil sie bestimmte als Norm angesehene physischen oder psychische Leistungen nicht erfüllen können.

*wird hier verwendet um Begriffe die einem oder zwei Geschlechter angepasst sind, zu öffnen und betonen, dass alle Geschlechter gemeint sind.

f.u.d.i. (feministische und direkte Intervention)