Die super problematische Plakat-Kampagne des Marsch fürs Lebens und über ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen

Geschrieben von bisexual, white, abled, cis-women des feministischen Streikkollektivs Zürich

Die Abtreibungsgegner*innen machen verstärkt mit dem Thema „Menschen mit Behinderungen retten“ Werbung für den Marsch fürs Leben (MFL). So war gerade letztes Jahr die ganze Stadt Zürich zugepflastert mit Plakaten von einem Kind mit Lernschwierigkeiten (auch Trisomie-21 oder Downsyndrom genannt). Darüber die Schrift „Danke, dass ich leben darf“. In Deutschland sind diese Kampagnen schon länger verbreitet. Aus einer anitkapitalistischen und feministischen Perspektive ist diese Art von Kampagne besonders problematisch. Wieso?

Die Kampagne des MFL ist so gestaltet, dass es aussieht als ob sich die christlichen Fundamentalist*innen für Menschen mit Behinderungen (MmB) einsetzen würden. Doch mit der Kernaussage der Kampagne werden die grundsätzlichen Barrieren für MmB in unserer heutigen Gesellschaft ignoriert. Heute ist es für MmB nur begrenzt möglich, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dies weil die Umwelt, das Sozialsystem und die Menschen in unserer Gesellschaft MmB nicht genügend inkludieren. Schon früh werden die Lebensrealitäten von MmB und den „genügend funktionsfähigen Menschen“ getrennt. So ist es normal, dass viel Geld in die pränatale Diagnostikforschung investiert wird, um möglichst früh herauszufinden, ab wann ein Fötus/Kind nicht genug leistungsfähig oder zu krank ist für unsere Gesellschaft. Getrennte Schulen, Wohninstitutionen sowie Arbeitsplätze verunmöglichen den Ansatz von einer kollektiven Carearbeit für und mit MmB. Wieso? Weil es günstiger ist, besonders pflegebedürftige Menschen in einem Heim zu platzieren. Das Problem? Viele dürfen nicht einmal ihren Wohnort wählen, sondern werden dort untergebracht wo es am kostengünstigsten ist. Das kapitalistische, profitorientierte System blockiert ein Sozialsystem, welches ein selbstbestimmtes Leben von MmB fördert. Nur mit viel Widerstand und Ressourcen ist es möglich, einen eigenen selbstbestimmten Weg zu gehen. So haben nur die Privilegiertesten die Möglichkeit, ihr Kind auf einem selbstbestimmten Lebensweg zu unterstützen.

Was ist mit der Entscheidung der gebärfähigen Menschen, die keine Ressourcen haben und ein Kind mit Behinderung erwarten? Diese Menschen stehen, wie alle die sich vorstellen, eine Abtreibung zu machen, vor einer besonders schwierigen Entscheidung. Hier ein Gedankenszenario:

„Nun habe ich einen Test gemacht, der mir zeigt, dass mein Kind eine Behinderung haben wird. Soll ich mein Kind in eine Welt bringen, welche von Exklusion geprägt ist? Reproduziere ich mit einer Abtreibung ein behindertenfeindliches Verhalten? Kann ich es mir finanziell, zeittechnisch oder emotional leisten, besonders in den ersten Lebensjahren das Kind auf seinem Weg zu unterstützen? Kann ich es mir vorstellen, für Ferien, einen Famlienausflug oder besonderen Bildungsweg jedes mal ein IV-Antragsformular auszufüllen und dabei immer wieder darauf hoffen zu müssen, dass die restriktive IV-Praxis mein Kind unterstützt? Kann ich es mir leisten, vor Gericht zu gehen, wenn dem nicht so ist?“

Mit der Kampagne versuchen die Abtreibungsgegner*innen Mitleid in der Bevölkerung auszulösen. MmB werden heute nicht ernst genommen und als besonders „nett“ oder „hilfsbedürftiges Geschöpf“ aufgefasst. Dabei wird ihnen aber nicht zugetraut, selbst über ihr Leben bestimmen zu können. Die Vorurteile MmB gegenüber sind gross und das Problem ist, dass wir zu wenig über deren Lebensrealitäten wissen.

Die feministischen Bewegungen haben sich zwar seit den 70ern dafür ausgesprochen, Ableismus (Diskriminierung von MmB) zu thematisieren und mit den feministischen Anliegen zu verbinden. Jedoch ist die Aufarbeitung des Themas innerhalb der Bewegungen erst in seinen Startlöchern. Das kann als eine Kritik an den feministischen „pro choice“ Bewegungen verstanden werden, die sich in den letzten Jahren nicht differenziert um das Thema Ableismus im Feminismus gekümmert haben – Beispielsweise auch um die Frage der pränatalen Diagnostik und wie diese differenziert kritisiert werden kann. So könnte z.B. die Frage gestellt werden, ob die selbstbestimmte Entscheidung von gebärfähigen Menschen immer emanzipatorisch ist oder ob es an einem gewissen Punkt anderen marginalisierten Gruppen schadet und systemerhaltend ist.

Die Abtreibungsgegner*innen eignen sich mit der Kampagne „MmB das Leben retten“ ein hochpolitisches Thema an – mit gutem Grund, denn in diesem Bereich können sie Zusprechende gewinnen – weil sich zu wenige in diesem Bereich positionieren oder solidarisieren. Aber mit der Forderung zu einem Abtreibungsverbot ist diese Positionierung der Abtreigungsgegner*innen eine grosse fette Lüge. Sie setzten sich nämlich nicht für die Anliegen der MmB selbst ein – Haben sie sich je dafür eingesetzt, dass MmB einen Mindestlohn haben? Oder dass die IV-Rente erhöht wird? Oder dass das Verfahren für die IV einfacher ist? Oder dass MmB ihren Wohnort selbstbestimmen dürfen? Oder dass Strassen, Gebäude und Kommunikationswege barrierefrei sind? Nein. Haben sie nicht. Und werden sie nicht. Die Organisator*innen des Marsch fürs Leben haben ihre eigenen christlichen, fundamentalistischen Ziele und sie missbrauchen die diskriminierende Ausgangslage von MmB für die Reichweite der Plakat-Kampagne.

Gebärfähige Menschen, die ein Kind mit Behinderung erwarten, sind mit einer ausgesprochen schwierigen Entscheidung konfrontiert. Die Welt ist nicht für MmB gebaut, gedacht, gestaltet etc. und mit besonders vielen Barrieren verbunden. Die Person, welche sich um das Kind kümmert, ist automatisch mit extra viel Carearbeit konfrontiert. Das bedeutet weniger Zeit und weniger Geld. Solange wir noch nicht in einer Kultur der kollektiven Carearbeit leben oder ein Sozialsystem haben, welches selbstbestimmtes Leben von MmB als normal anerkennt, hat die gebärfähige Person also nicht wirklich die freie Wahl, ob sie ein Kind mit Behinderung auf die Welt bringen möchte. Nicht, solange die gesellschaftlichen Strukturen Lebensrealitäten von MmB oder deren Eltern nicht unterstützten. Ein generelles Abtreibungsverbot wäre besonders gefährlich und die schwangere Person kann grossem Leid ausgesetzt sein. Auch schützt ein Abtreibungsverbot die ungeborenen Kinder nicht vor dem vorherrschenden ableisistischen System. Und wir möchten hier noch betonen: auch wenn das System nicht mehr ableistsich wäre, steht es jeder gebährfähigen Person immer zu, selbst über den eignen Körper zu bestimmen. Es geht doch im Kern darum, eine tatsächliche Entscheidungsfreiheit zu schaffen und zugleich einen Kampf gegen die Diskriminierung von MmB zu führen. Es kann aber auch feministisch sein, das Angebot von pränataler Diagnostik abzulehnen, um so dem Kontroll- und Sicherheitswahn entgegenzuwirken und um deutlich zu machen, dass MmB genau so normal und Teil der Gesellschaft sind wie alle anderen auch.

Aus feministischer Perspektive müssen wir uns verstärkt und fokussiert mit MmB solidarisieren und uns an ihre Seite stellen. Wir müssen ihnen zuhören und verstehen, was sie in einem System brauchen, um selbstbestimmt leben zu können. MmB sind eine diskriminierte Minderheit wie so viele andere Gruppen auch. Wollen wir uns nicht kollektiv darum bemühen, eine Gesellschaft zu schaffen, die frei von Diskriminierung ist?


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Treffpunkt zur Gegendemo am 19. September um 12 Uhr, Stadtpark Winterthur

Kontakt: info@frauenstreikzuerich.ch