Care-Arbeiter*innen berichten:

Schick auch du uns deinen Erfahrungsbericht an: 
Send us your experience report to: 
Envíenos su informe de experiencia:
careworkunite@frauenstreikzuerich.ch

22.04.2020 – Update von einer Pflegerin auf der Intensivstation

Seit einer Woche hat sich unser Arbeitsalltag enorm verändert. Unsere Intensivstation gleicht eher einer Militärkompanie. Früher war die Aufnahme einer*s Notfallpatient*in abhängig von unseren Personalressourcen, was wiederum abhängig von unserer subjektiven Belastung war. Nun wird über uns hinweg gefegt: Seit einer Woche wird nicht mehr gefragt ob ich noch Kapazitäten habe, sonder es wird gesagt: «Jetzt müsst ihr flexibel sein.» Unter dem Deckmantel der Kurzfristigkeit, im Schein einer gewissen Solidarität gegenüber der Gesellschaft.

Eine Woche nachdem der Bundesrat ohne Beiziehung unserer Gewerkschaften unsere Schutzbestimmungen bezüglich Arbeitszeiten und Pausen massiv gelockert hat, wurden wir zu 12h45min-Schichten verpflichtet. Eine Gefahrenzulage gibt es nicht – aber eine Telefonnummer mit kostenfreier psychologischer Beratung. Gratis Wasser dürfen wir jetzt auch trinken (durften wir vorher aus Spargründen nicht) und das herzliche Dankeschön von Lindt in Form von Osterhasen geniessen – für unseren unermüdlichen Einsatz.

Unser Einsatz ist imfall nicht unermüdlich.


15.04.2020 – Erfahrungsbericht einer Pflegerin auf der Intensivstation 

Ich arbeite auf der IPS im Triemlispital (Zürich). Ab 1. April müssen wir alle 12h-Schichten arbeiten mit bezahlter halber Stunde Pause. Es gibt keine Gefahrenzulage (schreibt die Stadt auf dem Intranet) und auch unsere Pikett-Dienste werden nicht vergütet, aber wir kriegen gratis psychologische Hilfe und Dankeskörbli von Lindt. Das macht uns alle schon traurig, diese ‚Wertschätzung‘. Wir sind enttäuscht davon, wie der Bund und auch die Stadt mit uns, jetzt plötzlich ‚wichtigen‘ Menschen umgeht. Ich gehe arbeiten aus Solidarität zu meinen Arbeitskolleg_innen und den Menschen, die Hilfe brauchen und nichts für dieses kapitalistische System können. Bitte lasst uns nach dieser ersten Welle alle streiken!


12.04.2020 – Erfahrungsbericht einer freischaffenden Hebamme

Als zu Beginn die Schutzmassnahmen für Arbeitende im Gesundheitsbereich vorgestellt wurden, hat die Gesundheitsdirektion die Hebammen komplett vergessen. Nach zwei Wochen Protest haben wir nun aber genügend Schutzmaterial. Die Spitäler sind zu einem grossen Teil geleert worden, das heisst es gibt keine nicht notwendigen Operationen. Doch im Moment bleiben die Spitäler fast leer. Was ich merke ist die große Unsicherheit, es ist ein warten auf die große Welle an Patient*innen und die Frage ob die Welle überhaupt noch kommt. Die Informationen die wir Als arbeitende im Gesundheitsbereich bekommen sind meistens widersprüchlich. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Zusätzlich ist es eine große psychische Belastung wenn Frauen* mit ihren Neugeborenen auf jeglichen Kontakt mit Freund*innen und Verwandten verzichten müssen und somit mit einem großen Teil der Arbeit allein dastehen.


10.04.2020 – Erfahrungsbericht einer FaGe im Temporär-Bereich

Ich arbeite als FaGe (Fachperson Gesundheit) im temporär Bereich um dort auszuhelfen, wo es ‚gerade‘ Engpässe gibt. Momentan bin ich in einem Altersheim eingeteilt wo wir pro Arbeitstag nur 1 Mundschutzmaske erhalten und danach in einzelne Frischhaltebeutel packen müssen und mit Datum visieren. Aufgrund der Materialengpässe werden wir sie nach 14 Tagen erneut tragen müssen und dies ist bei weitem nicht das einzige fahrlässige Defizit im Bezug auf Hygiene und Sicherheit, welche dieser Betrieb aufweist, welcher für die Gesundheit von Hochrisikoklientel verantwortlich ist und zu 100% nicht der einzige solcher Betriebe ist!

Das Schlimmste gerade ist für mich, von allen ‚bemitleidet‘ zu werden und jeder ‚soooo dankbar‘ ist und für uns geklatscht wird… wtf? Die Umstände sind schon sehr lange schwierig und werden immer schlimmer… Die Leute, die uns gestern kaputt gespart haben, fordern heute die Bevölkerung dazu auf zu klatschten und zieht die ganze Aufmerksamkeit auf uns.
Dabei ist es nur Taktik um die Medien mit «Held*innen» zu füllen um nicht über die unmenschliche Flüchtlingskrise berichten zu müssen und die Aufmerksamkeit darauf zu richten was so viel wichtiger wäre gerade.

Die Pflege wartet seit Jahrzehnten auf Besserung und jetzt auf einmal ist es auch den anderen wichtig? Ich und meine Kolleg*innen können noch etwas warten und werden desshalb nicht sofort sterben. Die Leute auf der andern Grenzseite nicht!


08.04.2020 – Erfahrungsbericht einer Sekundarschul-Lehrerin*

Wenn Silvia Steiner und co. fleissig den erfolgreichen Start des hochdiskutierten Fernunterrichts rühmen, kann ich mich nur fragen, wie kommen die auf solche Ideen?
Die Realität, die ich täglich im virtuellen Klassenzimmer erlebe, hat mit Erfolg nichts zu tun, es fühlt sich eher an wie ein nie-endendes Brandlöschen!

Als IF-Sekundarlehrerin (integrierte Förderlehrperson) betreue ich jene Jugendlichen auf der Oberstufe, denen es aus unterschiedlichsten Gründen auch unter «normalen» Bedingungen schwerfällt, dem Schulunterricht zu folgen. Jugendliche, welche zum Beispiel auf Grund von Konzentrationsschwächen oder sprachlichen Hürden ohne Unterstützung kaum dem normalen Unterrichtstempo standhalten könnten. Nun ist es natürlich keine Überraschung, dass genau diese Jugendliche (und das sind keinesfalls wenige!) keine Chance haben, mit der Digitalwelle, die gerade komplett unvorbereitet über sie schwappt, noch den Überblick zu behalten. Ich finde mich in einer Position wieder, in der ich mich entscheiden muss, ob ich mein Arbeitspensum unbezahlt verdreifache und damit den Hauch einer Chance auf Anschluss für die Jugendlichen schaffe –oder eben nicht. Genau so geht es aber auch meinen Kolleg*innen, welche zudem, nebenbei noch irgendwie ihre eigenen Kinder betreuen sollen.

Am härtesten trifft es zurzeit aber jene Kinder, deren Eltern im Care-Bereich tätig sind und die Betreuung ihrer Kinder nicht mal übernehmen könnten, wenn sie wollten. Es sind die Jugendlichen von Pfleger*innen, Reinigungspersonal, Betreuer*innen usw. die komplett auf sich alleingestellt zu Hause sind, denn auf der Oberstufe wurde ja auf das Angebot einer Notfallbetreuung verzichtet. Es ist keine Überraschung, erste Jugendliche sind abgetaucht und nicht mehr erreichbar, schwer depressiv von der Einsamkeit und haben den Anschluss zu Klasse und Schulstoff komplett aus den Augen verloren. Das Schlimmste: es war absehbar…


06.04.2020 – Erfahrungen einer Sozialpädagogin in Ausbildung:

Die Arbeitssituation war bereits vor Ausbruch des Coronavirus und den damit verbundenen Massnahmen prekär in Bezug auf Arbeitszeiten. Am Wochenende jeweils 12h-Schichten, aufgrund Pikett-Dienst keine Möglichkeit wirklich Pause zu machen und im allgemeinen eine intransparente Kommunikation seitens der Betriebsleitung.

Die Lage ist aktuell so, dass Klient*innen nicht mehr am Wochenende zu ihren Eltern gehen können, viele von ihnen also bis am 30.4. auf der Institution bleiben. Für uns Mitarbeitende bedeutet dies, dass wir mehr Schichten am Wochenende abdecken müssen. So ergeht es wahrscheinlich gerade allen, die im Care-Sektor arbeiten: Sie müssen Überstunden leisten. Was bei uns aber erschwerend hinzukommt, ist die geringe Wertschätzung gegenüber uns Mitarbeitenden von Seiten der Betriebsleitung.

Einem Mitarbeiter, der sich sorgte, weil bei den Esssituationen die Mindestabstände nicht eingehalten wurden, sagte die Betriebsleitung, dass er sich freistellen könne, wenn er nicht damit einverstanden sei, wie die Verordnungen des BAG auf der Institution umgesetzt werden.

Es gibt kein Notfallkonzept, wie wir vorgehen, wenn jemensch in der Institution positiv getestet wird. Das heisst konkret, dass wir nicht wissen, wo wir beispielsweise ein Isolierzimmer einrichten könnten.

Ich habe bereits Kontakt aufgenommen mit der Unia und mit der Gesundheitsdirektion vom Kanton Zürich. Diese Kontakte erbrachten aber nicht die erhoffte Unterstützung.


05.04.2020 – Erfahrungsbericht aus der Arbeit im Pflegebereich:

Die, die für uns klatschen und aber finden, dass Sparmassnahmen als erstes beim Personal eingesetzt werden müssen. Die, die klatschen und sagen dass Bedingungen am Arbeitsplatz an die Belastbarsten angepasst werden und wenn die es schaffen, sollen es alle können (Bsp. Menge an Patient*innen übernehmen). Das sind aber Dinge, die schon immer da waren.

Bei uns im Betrieb wird gerade die Selbstorganisation eingeführt: Revolutionäres Abschaffen der Hierarchien. Der Grundgedanke ist cool. Aber komisch, auf einmal müssen die Pflegenden nun auch die Arbeit der Disposition, der Leitungen und Planung übernehmen, deren Stellen einfach gestrichen wurden. Aber weder wurden mehr Personen eingestellt, noch die Anzahl Klient*innen reduziert. Wenn das mal keine «gut» durchdachte Sparmassnahme im Schafspelz ist…


05.04.2020 – Erfahrungen einer lernenden Fachperson Gesundheit (FaGe) 

Ich mache meine Lehre in der Langzeitpflege. Der Umgang mit alten Menschen bereitet mir Freude, und ich glaube auch, dass ich ihnen viel Freude bereiten kann. Die Umstände an meinem Arbeitsplatz machen es mir aber regelmässig schwierig, mich wirklich auf die Bewohner*innen einzulassen. Das liegt an einem Zeitmangel – die Zeit, die wir pro Bewohner*in einsetzen können, ist beschränkt. Ausserdem habe ich schon als Lernende oft geteilten Dienst, arbeite also bis spät am Abend, und werde auch an Wochenenden oft eingeteilt. Deshalb bleibt mir neben der Arbeit oft nicht mehr viel Zeit. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich oft sehr müde und habe nicht mehr wirklich die Energie, etwas anderes zu machen, als mich in mein Bett zu legen.

Diese Umstände sind in Zeiten Coronas natürlich nicht besser geworden. Wir als Pflegende werden klar dazu aufgefordert, jeglichen Kontakt zu meiden, ausserhalb der Arbeit zu Hause zu bleiben. Am Arbeitsplatz haben wir viel mehr zu tun als normalerweise, schlüpfen teils sogar in neue Berufe (beispielsweise übernehmen wir auch die Fusspflege, das Haare schneiden etc., was sonst alles von anderen übernommen wird). Die Stimmung ist allerseits sehr gereizt und genervt: Wir Pflegenden arbeiten sehr nahe aufeinander, haben alle Hände voll zu tun, tragen Mundschutz, der uns zum schwitzen bringt und das Atmen schwieriger macht. Die Bewohner*innen ihrerseits sind wegen ihrer Ausgangssperre und dem Besuchsverbot sehr mufflig und teils angriffig.

Wir Lernende haben jetzt natürlich auch keine Schule mehr und arbeiten deshalb noch mehr. Ich bekomme dafür jedoch nicht mehr Lohn als normalerweise, das heisst faktisch verdiene ich noch weniger als normalerweise.